Kreislaufwirtschaft von 1900 bis 2015:
Materialflüsse auf dem „Raumschiff Erde“

Kreislaufwirtschaft gewinnt immer mehr an Boden – bei politischen EntscheidungsträgerInnen, der Industrie und der Wissenschaft. Nachhaltige Ressourcennutzung innerhalb der planetarischen Grenzen ist die Devise. Wir stellen heute die Ausführungen eines Forscherteams der BOKU rund um Willi Haas vor. Diese betrachten die Weltwirtschaft als eingebettet in ein „Raumschiff Erde“ und stellen Materialflüsse von 1900 bis 2015 in einer Animation anschaulich dar.

Die Kreislaufwirtschaft ist ein sich rasch entwickelndes Konzept, das als transformativer Ansatz für eine nachhaltige Ressourcennutzung innerhalb der planetarischen Grenzen gefördert wird. Sie zielt darauf ab, Stoffkreisläufe zu verlangsamen, zu verengen und zu schließen, indem sie den Wert von Produkten und Ressourcen so lange wie möglich erhält und dadurch den Verbrauch von Primärressourcen, Abfall und Emissionen minimiert.

In dem neu erschienenen Artikel „Spaceship earth’s odyssey to a circular economy – a century’s perspective“ von Willi Haas, Fridolin Krausmann, Dominik Wiedenhofer, Christian Lauk und Andreas Mayer von der Universität für Bodenkultur Wien wird einerseits ein Blick auf die Ursprünge des Konzeptes der Circular Economy im 18. Jahrhundert und den neuen Gewinn an Bedeutung im 21. Jahrhundert geworfen. Für die weiteren Betrachtungen wird von den Autoren die Erde als materiell abgeschlossenes „Raumschiff“ betrachtet. Dieses Bild wurde 1966 von Kenneth Boulding geprägt. Ausgehend davon wird die Entwicklung der Zirkularität während der Industrialisierung (1900-2015) untersucht.

Die Bewertung umfasst zwei grundlegende Kreisläufe: 1. den sozioökonomischen Kreislauf von Sekundärmaterialien aus Altabfällen und 2. den ökologischen Kreislauf, in dem die entstehenden Abfälle und Emissionen im Vergleich zu den regenerativen Kapazitäten biogeochemischer Systeme bewertet werden.

Die Ergebnisse sprechen Bände: Von 1900 bis 2015 sind die Input-Zyklusraten von 43% auf 27% gesunken; gleichzeitig sind die nicht zirkulären Inputs um das 16-fache und die nicht zirkulären Outputs um das 10-fache gestiegen. Der Beitrag des ökologischen Kreislaufs zur Zirkularität ging von 91% auf 76% zurück. Auch im Circularity Gap Report wird übrigens der Rückgang der Zirkularität der Weltwirtschaft festgestellt – und das in jüngsten Jahren (wir haben berichtet).

Vor Augen geführt wird diese Entwicklung noch einmal deutlicher in einem zehnminütigen Video, das die Untersuchungen und Ergebnisse des besprochenen Artikels informativ zusammenfasst. Besonders die Darstellung der Entwicklung der Materialflüsse von 1900 in Form von aufeinanderfolgenden Sankey-Diagrammen (Minute 2:23-3:15) ist sehr aufschlussreich.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass zur Realisierung des transformativen Potenzials der Kreislaufwirtschaft vier zentrale Herausforderungen durch Forschung und Politik angegangen werden müssen: 1. die Verlangsamung des Wachstums der Materialvorräte (denn der Zuwachs an Beständen z.B. in Gebäuden, Infrastruktur ist immens), 2. die Definition klarer Kriterien für ökologische Kreisläufe und die Eliminierung nicht nachhaltiger Biomasseproduktion, 3. die Integration der Dekarbonisierung des Energiesystems in die Kreislaufwirtschaft und 4. die substantielle Reduktion nicht kreisförmiger Ströme auf globalem Level. Sie schließen mit den Worten:

„We conclude that the CE indeed has large potentials to contribute towards a more sustainable social metabolism and achieving the Paris climate accord and many of the sustainable development goals, but that the odyssey towards a sustainable economy on spaceship earth has just begun.“ Die Odysee hat in der Tat erst begonnen, und sie ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Mehr Infos …

Willi Haas, Fridolin Krausmann, Dominik Wiedenhofer, Christian Lauk und Andreas Mayer: „Spaceship earth’s odyssey to a circular economy – a century’s perspective“

Zum Video: „Spaceship earth’s odyssey to a circular economy: A century long perspective“

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